Willkommen im ALTI - Klimacamp im Altdorfer Wald

Altdorfer Wald Bleibt!
Datum
09.03.2021

Der Entwurf der Fortschreibung des Regionalplans Bodensee erntet heftigen Widerstand. In Kressbronn lehnen die Landwirtschaftsvertreter von CDU und BWV ihn ab, weil er die Entwicklung neuer Anbauflächen bremst, andere sehen in den vorgeschlagenen Korridoren für Siedlungen und Straßen den Flächenfraß ungebremst fortschreiten.

Klimawandel und Artensterben - Nebensache im Planungsinstrument der Region Bodensee

Im Voralpenidyll erleben wir seit wenigen Jahren eine wachsende gesellschaftliche Diskussion um Ressourcen wie Wasser, Wind und Wald. Die Tage, an denen solche Themen Nebensache auf der politischen Agenda waren scheinen gezählt.

Die Ausweisung einer Vorrangfläche für den Kiesabbau im Südosten des Altdorfer Walds wird seit Jahren heftig diskutiert. BUND und NABU haben sich klar gegen den Kiesabbau im Altdorfer Wald ausgesprochen. Viele kennen die Banner in den Gärten entlang der Straße zwischen Waldburg und Vogt. Die geplante Rodung des Walds für den Kiesabbau könnte zwar Geld in die Gemeindeassen spülen - für viele Anwohner und Umweltverbände steigt durch das Projekt jedoch der Druck auf die Umwelt durch den Eingriff in den Wasser-Boden-Haushalt und Kiestransporte per LKW. Ein Großteil des Abbaumaterials würde wohl jenseits der Grenze in Österreich landen. Dort ist der Rohstoff aus Deutschland heiß begehrt. Die eigenen Umweltauflagen an den Kiesabbau lassen in Österreich seit Jahren die Preise steigen. 

Seit rund zwei Wochen wird das Plangebiet für den Kiesabbau bei Wolfegg von Klimaaktivisten besetzt. Viele im Süden kennen sowas nur aus den Nachrichten. Sofort fallen einem der Dannenröder und Hambacher Forst ein. Die Besetzungsaktionen von Umweltaktivisten richteten sich dort gegen geplante Tagebauprojekte und den Ausbau der A49.

An einem kalten Dienstagmorgen erklärt mir Samuel, was gerade im Altdorfer Wald passiert und welche Ziele das Klimacamp verfolgt. Schnell wird klar, das ist hier kein Picknick.

Klimacamp1

 

Das ist einfach der falsche Platz für den Kiesabbau

"Der Entwurf des Regionalplans sollte dazu beitragen, dass das Klima, das Grundwasser auf dem wir hier sitzen und der Boden, der viel CO2 speichert, geschützt werden. Nach unserer Ansicht - und der vieler Fachleute - werden diese Punkte im Regionalplan kaum beachtet. Die Besetzung des Walds ist eine Form des Protests, die man nicht einfach ignorieren kann.

Wir wollen, dass Ressourcenschonung einen hohen Stellenwert im Regionalplan bekommt. Statt neuer Kiesgruben könnte Baumaterial wiederverwendet werden. Recycling-Beton z.B. würde viele Kiesabbaugebiete entlasten oder unnötig machen. Klimaschutz muss oberste Priorität haben."

Wie gehen die Leute hier in der Gemeinde mit dem Camp um? Das ist sicher Neuland für viele.

"Die Unterstützung durch die Anwohner ist super. Man hilft uns mit Baumaterial und wir bekommen abends was warmes zu essen! Natürlich gibt es auch Leute, die nicht verstehen, was wir hier tun oder die ein falsches Bild von uns haben."

Das Camp ist gut organisiert. Mit alten Baumstämmen sind die Wege markiert, um den Boden und den Bewuchs zu schonen. Müll im Wald - Fehlanzeige. Die Baumhäuser sind durch Taue an den Bäumen befestigt.

Letzten Sonntag war der Wald hier voller Leute. Wir bieten Sonntags Spaziergänge für interessierte Leute an. Der Austausch und die Diskussion sind uns sehr wichtig.

CampDie Baumhäuser in 4 bis 8 Metern Höhe sind für meine Begriffe gut gebaut. Doch darauf zu leben ist nicht ungefährlich.

"Wir passen auf, dass alle immer gesichert sind. Das ist essentiell. Wenn bei anderen Aktionen Leute verletzt wurden, ist das immer passiert, wenn die Sicherungsmaßnahmen nicht eingehalten wurden. Wer möchte, kann auch gerne herkommen und bei / mit uns klettern."

Vor ein paar Wochen habe ich mit der BUND Ortsgruppe einen Amphibienzaun aufgebaut. Die meisten Helfer waren zwischen 65 und 80 Jahre alt. Wieso denkst du, fällt es manchen lokalen Umweltgruppen so schwer, junge Leute für die Umweltarbeit zu begeistern und hier bringen sich ganze Gruppen über Wochen und Monate ein?

"Aktionen - praktische Arbeit - das begeistert junge Leute. Wenn davon viel mehr angeboten wird, steigt das Interesse."

Wie geht's weiter im Camp?

Harness"Das Camp wird wachsen. Es hat sich bereits Unterstützung aus anderen Teilen des Bundesgebiets angemeldet. Wir brauchen vor allem Baumaterial, um weitere Baumhäuser zu bauen. Balken, Paletten, Nägel, Planen. Spenden sind immer willkommen!"

Mir wird klar, dass sich etwas bewegt in der Bundesrepublik. Noch viel zu langsam und gegen enormen Widerstand bestehender politischer und wirtschaftlicher Strukturen. Das Klimacamp im Altdorfer Wald steht für viele, deren Petitionen und Stellungnahmen gegen Elemente des Regionalplans bislang ins Leere liefen. Es ist ein Aufruf, genauer über unsere strategischen Planungsinstrumente nachzudenken.

Welche Optionen wurden bislang nicht geprüft, um natürliche Ressourcen besser zu schützen? Wieso haben wir keine Anlagen zum Beton-Recycling nach Schweizer Vorbild? Es gibt einiges zu tun für den RVBO.

Zurück vom Klimacamp wollte ich es genauer wissen. Nach drei Anrufen bei den großen Betonwerken im Kreis Friedrichshafen und Ravensburg fand sich kein einziger Anbieter für Recycling-Beton. Die Kundenbetreuer wussten teils nicht einmal, dass es solche Verfahren gibt. Dabei ist die Idee von der Wiederverwertung von Beton nicht neu. Seit 2005 werden beispielsweise in Zürich nach der Ausschreibungsvorgabe öffentliche Gebäude mit Recycling-Beton (RC-Beton) gebaut. LINK. Es gibt also auch Städtebau mit deutlich weniger Kiesverbrauch.

Die Forderung nach einem konsequenten Klima- und Ressourcenschutz und das Klimacamp werden nicht einfach verschwinden. Der Regionalverband Bodensee sollte die Chance zum Dialog nutzen.

H. Kling