Nachhaltiger Tourismus in Kressbronn?

Datum
16.06.2020

Die Gemeindeverwaltung arbeitet an einem Tourismusstatus für Kressbronn, in welchem „sich die Gemeinde dazu bekennen soll, den Tourismus in allen Lebenslagen zu fördern und…diesen weiterzuentwickeln“. Und dies bei „ständiger Berücksichtigung nachhaltigen Handelns“. Diese Zielsetzung wird vom OV des BUND grundsätzlich sehr begrüßt, da wir der Nachhaltigkeit allerhöchste Priorität einräumen.

Nachhaltigkeit besagt, dass die Bedürfnisse heutiger Generationen befriedigt werden, ohne die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu gefährden. Eine nachhaltige Tourismusentwicklung muss der Umweltqualität einen zentralen Stellenwert einräumen. Das bedeutet, dass touristisches Wachstum die Belastung von Boden, Flächenverbrauch, Wasser, Luft und Klima nicht weiter anwachsen lassen darf. Soll der Tourismus auch langfristig profitabel bleiben, dann müssen Natur und Landschaft als nicht vermehrbare Ressourcen in ihrer biologischen Vielfalt erhalten werden.

Soweit die Theorie. Abgesehen davon, wer mit „Gemeinde“ gemeint sein könnte – die Verwaltung oder auch die Gesamtheit der Bürger – und welche Verbindlichkeit das Statut für wen haben soll, stellt sich die Frage, ob gerade in Kressbronn solch eine Nachhaltigkeitsforderung wirklich ernsthaft verfolgt wird. Zweifel kommen bei uns angesichts der jüngsten Gemeindepolitik fast zwangsläufig auf.

  • Im Blockkraftwerk (BHKW) der Gemeinde wird Palmöl verheizt und damit touristische Infrastruktur (Kulturzentrum Lände, Hallenbad) mit Wärme versorgt. Angesichts der Zerstörung der Regenwälder dieser Erde hält selbst die EU inzwischen Palmöl nicht mehr für einen nachhaltigen Brennstoff. Nur ein alemannisches Dorf am Ufer des Bodensees glaubt es besser zu wissen und spart durch das Verbrennen von Palmöl jährlich ein paar Tausender. Eine (zweifelhafte) Zertifizierung des Palmöls dient als Beruhigungspille. Ein vom Gemeinderat beschlossenen „Strukturgutachten“ sollte Alternativen in der kommunalen Energiegewinnung aufzeigen. Was neulich in der Gemeinderatssitzung dabei herauskam, war ein „Rezeptle“ zur Verbesserung des offensichtlich doch nicht so optimal laufenden BHKWs. Man bekommt das, was man bestellt hat. Hier zeigt sich, wie sehr Wort und Tat voneinander abweichen können.
  • Die Mehrheit des Gemeinderates verhinderte kürzlich mit für vielen nicht nachvollziehbaren Argumenten die Einrichtung einer Fahrradstraße (nach Oberdorf). Momentan hängt die Umwidmung einer weiteren Straße (alte B 467 nach Tettnang) zur Fahrradstraße nur am Gemeinderat Kressbronn. Der Tettnanger Rat hatte bereits zugestimmt. Auf Kressbronner Gemarkung liegen nur etwa 10 % der fraglichen Strecke!
  • Die Gemeindeverwaltung schaut zu, wenn an der Ortsausfahrt (Richtung Friedrichshafen) völlig unnötig 12 hochstämmige und das Ortsbild prägende, biologisch wertvolle Obstbäume umgesägt werden.
  • Die Mehrheit des Gemeinderates befürwortet den Bau eines Luxushotels mit bis zu 130 Zimmern direkt am Seeufer auf einer Fläche von 2,9 ha. Dazu muss auf dieser Fläche sowohl das Landschaftsschutzgebiet als auch ein regionaler Grünzug aufgehoben werden. Weiter wird die Gefährdung eines gesetzlich geschützten Biotops und die Beeinträchtigung eines FFH-Gebietes (FFH – „Flora, Fauna, Habitat“ ist eine EU-Schutzmaßnahme) billigend in Kauf genommen. Artenschutz, Hochwasserschutz und eine größere Zugänglichkeit des Bodenseeufers für die Menschen – also typische Nachhaltigkeitsaspekte - spielen dabei keine Rolle.
  • Der Gemeinderat debattierte Ende des vergangenen Jahres ernsthaft über einen Beschluss zur Verhinderung des Volksbegehrens für mehr Artenschutz „pro Biene“. U. a. spielte dabei die nachweislich falsche Behauptung eine Rolle, dass durch die vom Volksbegehren geforderte Reduzierung des Pestizideinsatzes in Landschaftsschutzgebieten, z. B. entlang der Argen, viele bäuerliche Existenzen gefährdet seien. Ist es ein Zufall, dass sich auf der Gemarkung der Gemeinde Kressbronn kein einziger, biologisch wirtschaftender Betrieb findet?

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Nachhaltigkeit ist ein ganzheitliches Konzept und kann nicht nach Lust, Laune und politischer Opportunität heute im Tourismus, morgen bei der Verkehrsinfrastruktur und übermorgen bei der Bauplanung eingesetzt werden. Solange nicht von Gemeinderat und Bürgermeister klare Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit in der Kommune kommen und vor allem deren Umsetzung transparent angegangen wird, sind es nur belanglose Lippenbekenntnisse. Touristen, die auf Nachhaltigkeit Wert legen, aber auch immer mehr Kressbronner Bürgerinnen und Bürger haben dies bereits verstanden.

BUND-Ortsverband Kressbronn, 16. Juni 2020


Gisela Rinné, Dr. Hans Güde, Sue C. Medford